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HANDWERK MIT VERANTWORTUNG




Kein Herz aus Stein


Bild © www.futurzwei.org


Das Ruhrgebiet war einst eine treibende Kraft der industriellen Entwicklung. Ein Steinbildhauer aus eben dieser Region ist heute bestrebt, inzwischen globalisierte Irrtümer wieder einzufangen und ihnen traditionelles, regionales Handwerk entgegenzuhalten.

„Es ist ganz sicher was anderes, als Unterhemden zu verkaufen“, beschreibt Timothy Vincent etwas ironisch seinen Beruf. Tatsächlich kauft wohl niemand Grabmale beim freizeitlichen Schlendern durch die Einkaufsstraße. Für Vincent sind sie hingegen sein tägliches Geschäft. Er ist Steinbildhauer für Grabsteine. Seine offene und humorvolle Art macht deutlich, dass das keineswegs auf die Laune schlagen muss. Sicherlich, sagt er, beschäftige er sich nicht zuletzt wegen seiner Arbeit viel mit Themen der Endlichkeit und dem Sterben. Doch daraus lasse sich mehr gewinnen, als ein paar morbide Gedanken. Das Unabwendbare erzeugt für ihn vielmehr eine enorme Wertschätzung des Lebens. „Man wird wesentlicher im Umgang mit den Dingen, wenn man ständig mit dem Thema Tod in Kontakt steht“, resümiert er.

Doch dieses „Wesentliche“ hat ihn nicht nur gefunden, er hat es auch gesucht. Nach einem Ingenieursstudium als Werkstofftechniker arbeitete Vincent einige Jahre im Steinbruch unweit seines heutigen Betriebes, bevor er zum Steinbildhauer umschulte. Als er sich anschließend selbstständig machte, war für ihn klar, dass er ausschließlich von Hand und mit regionalem Gestein arbeiten will. In der Branche ist das alles andere als selbstverständlich: Rund 70 bis 80 Prozent der Steine, die alljährlich auf deutsche Friedhöfe gestellt werden, sind Importsteine, abgebaut und industriell gefertigt zum größten Teil in Indien und China. Nur der Rest wird von hiesigen Steinmetzen produziert. „Dabei“, wundert sich Vincent, „haben wir doch eigentliches alles hier. „Wir könnten wunderbar hier in der Region produzieren.“

Ein gewichtiger Grund dafür, nur hiesiges Gestein zu verwenden, sind für ihn die hässlichen Geschichten, die an den Importsteinen hängen, denn darin gleicht sein Geschäft auf unrühmliche Weise doch dem Verkauf von Unterhemden. Nicht nur, dass der Import jeder Tonne Naturstein aus China ein CO2-Gepäck von 265 Kilogramm mit sich bringt. Die Dokumentation „Grabsteine aus Kinderhand“ machte 2003 öffentlich, woher viele der Steine, mit denen wir unserer Angehörigen gedenken, stammen und unter welchen Bedingungen sie gehauen werden: kaum Arbeitsschutz, mitunter Kinderarbeit und auch Zwangsarbeit. Für Vincent war klar, dass er damit nichts zu tun haben will. Als sein eigener Boss muss er das nun auch nicht mehr. „Ich nutze meine Freiheitsgrade. Ich kann entscheiden, was ich tue. Alle Risiken übernehme ich. Als Unternehmer muss ich eben abwägen, was wirklich wichtig ist.“

Mit seinem Betrieb ist der 48-Jährige eine One-Man-Show. In derber Lederschürze und schwerem Schuhwerk zum Schutz der Zehen arbeitet er zumeist im Freien vor seiner Werkstatt. Folgt er dabei nicht gerade per Kopfhörer Vorlesungen über Philosophie, gibt ihm die mitunter meditative Beschäftigung viel Raum nachzudenken. Vielleicht war er deshalb seiner Branche einen Schritt voraus, als es daran ging, Konsequenzen zu ziehen. In vielen Verbänden des Handwerks, so weiß Vincent, wird oft keine klare Haltung gezeigt: „Da werden nur Positionspapierchen hin- und hergeschoben: zwischen dem einen oder anderen Gewerk, der Innung oder auch den Medien. Und das war's. Aber das Problem ist damit nicht aus der Welt.“ Timothy Vincent beschloss, ein neues Netzwerk aufzubauen und nur Verbündete zu suchen, die es tatsächlich ernst meinen. Außer Gleichgesinnten aus der Branche fand er einen wichtigen Partner in dem 2012 von der nordrhein-westfälischen Landesregierung ins Leben gerufenen Büro newtrade nrw. Dort unterstützt man öffentliche Träger und private Unternehmen, die Strategien der nachhaltigen Beschaffung umsetzen. „Interessant macht die Initiative vor allem, dass sie vom Handwerk für das Handwerk initiiert wurde“, hebt Sascha Czornohus von newtrade nrw den Bottom-up-Charakter hervor. „Oft wird behauptet, dass sich kleine und mittelständische Betriebe eine nachhaltige Unternehmenspraxis nicht leisten können. Diese Initiative beweist das Gegenteil.“

Seit Mitte 2014 nimmt Vincents Idee unter den Namen Handwerk mit Verantwortung nun konkrete Form an. Im kommenden Sommer folgt der Gründungsakt, mit dem die verbindlichen Prinzipien für die Mitglieder festgeschrieben werden. Es geht darum, Alternativen anzubieten, so dass für Kundinnen Entscheidungsspielräume entstehen. Grundvoraussetzung ist dabei die Einhaltung von ökologischen Mindeststandards sowie Menschen- und Arbeitsrechten nicht nur in den Betrieben selbst, sondern auch in sämtlichen Zulieferbetrieben. Doch auch darauf soll sich niemand ausruhen. In gegenseitiger Unterstützung möchten die Betriebe sich untereinander aufzeigen, wo sie noch nachhaltiger werden können. Mindestens alle zwei Jahre wird evaluiert, wie erfolgreich sie dabei sind. Wo er selbst steht, will Vincent noch im Laufe dieses Jahres mit einer Gemeinwohlbilanz der Gemeinwohl-Ökonomie eruieren. Und auch Handwerk mit Verantwortung selbst wird auf seine Nachhaltigkeit hin überprüft werden.

Sofern sich seine Ansprüche als umsetzbar erweisen, will Vincent das Netzwerk als eine Art Marke etablieren. Mit einem Label könnten dann handwerkliche Qualitätsmaßstäbe und Verantwortungsbewusstsein gleichermaßen verbunden werden. Die Initiative ist dabei für alle Gewerke offen. Bislang versammeln sich in ihr einige Steinmetzbetriebe, Biobäcker, ein Stahlverarbeitungsbetrieb und ein Modemacher. Auch eine Chocolatière zeigte sich interessiert. Noch hat sie zwar nicht fest zugesagt, doch immerhin schon bei ihrem Lieferanten nachgefragt, wo der Kakao eigentlich herkommt. „So werden langsam die Dinge auf den Weg gebracht“, freut sich Vincent.

Mit Handwerk mit Verantwortung will der Steinmetz in die Offensive gehen, sich als Unternehmer selbst regulieren, anstatt auf die Politik zu warten: „Für mich ist es wichtig, dass ich selbst eine Lösung geschaffen habe.“ Als Handwerker ist er Experte für das Material, das er verarbeitet. Dem Kunden erklärt er, welch desaströse Abbau- und Produktionsbedingungen an Steinen hängen und mitgekauft werden können: „Also hat er die Wahl zwischen einem schlechtem Gewissen und ‚gutem’ Material.“ Das Betriebsrisiko, dass Kunden von derlei Dingen nichts wissen wollen, geht er ein: „Wenn ich es laut rausposaune, muss ich selbst verbindlich sein. Wer dennoch Importmaterial will, muss eben woanders schauen“, beharrt Vincent rigide auf seinen Prinzipien.

Eine solche Konsequenz hat für Vincent nichts mit Verzicht zu tun. In ihr liegt etwas Wesentliches, das regional Besondere, was Industriesteine aus Fernost nicht bieten können: „Wir sind hier im Ruhrtal. Angenommen ich hab hier 'nen Steiger aus'm Pütt und der braucht ein Grabmal, dann kann ich den ganz schlecht mit einer Steinauswahl aus Indien beschreiben. Dann nehme ich 'nen Ruhrkohlesandstein.“ Ob aus Sachsen oder der Lüneburger Heide, ob aus dem Steinbruch oder ein Findling – überall finden sich Gesteine, die auf diese Weise einen Kreis zu schließen vermögen: „So holt man die Heimat dahin, wo die letzte Heimat ist.“

Raven Musialik
13. August 2015



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13.08.2015
Quelle: FUTURZWEI - Stiftung Zukunftsfähigkeit
http://m.futurzwei.org/steinmetz-vincent